— von Frank
Wir haben die elektronische Ausgabe der NZZ abonniert und so bin ich auf dem Laufenden, was daheim in der Schweiz so geschieht. Und die Zeitung wird abends um ca. 20 Uhr geliefert – der Werbespruch einer Gratispostille („heute die News von Morgen“) bekommt eine ganz neue Bedeutung 😉
Aus der Distanz fallen mir manchmal Dinge auf, die recht eigenartig sind. Bitte verzeiht mir, wenn ich mal doch etwas politisch werde. Denn wie die „morgige“ Ausgabe wieder einmal belegt, scheint Verkehrspolitik die Schweiz zu bewegen. Unter „Meinung & Debatte“ gibt es da „Denkanstösse zur Verkehrspolitik“ [0]. Ein gewisser Hermann Hess legt sich ins Feuer und meint, Fahren mit der Eisenbahn ist zu günstig. Ok, das darf durchaus eine Meinung sein. Stutzig wurde ich dann, als der gute Mensch behauptet, die Eisenbahn in der Schweiz verbrauche zu wesentlichen Teilen Atomstrom. Hmm. Und dann meint er auch noch, dass die Bahn gegenüber einem sparsamen Dieselauto kaum einen nennenswerten Umweltvorteil hat. Da er von einem sparsamen Auto spricht, nehme ich einmal an, ihm geht es vor allem um den Energieverbrauch beim Transport. Ok, das hat mich genug angestachelt. Gehen wir den Dingen mal etwas auf den Grund.
Das mit dem Strom ist schnell geprüft. Der Jahresbericht der SBB [1] gibt an, dass 83.2% des Stromes aus eigenen Wasserkraftwerken stammt. Der Rest ist zugekauft. Dann nehme ich an, dieser setze sich aus dem Schweizer Strommix zusammen, der zu etwa 1/3 aus Atomstrom besteht. Ich komme dann auf etwa 6% Atomstrom, den die Bahn verbraucht. Wesentlicher Teil? Hmm, ich fürchte, Herr Hess und ich haben eine andere Auffassung von diesem Wort.
Also, schauen wir mal, wie es um die andere Behauptung steht. Derselbe Jahresbericht gibt an, dass die SBB im letzten Jahr 12’925 Milliarden Personenkilometer (Pkm) im Fernverkehr und 4596 Milliarden Pkm im Regionalverkehr geleistet haben. Das gibt rund 17’500 Milliarden Pkm. Zur Erklärung was das bedeutet: 1 Pkm heisst, eine Person ist 1 km weit gefahren. Die SBB haben dazu eine Strommenge von 3159 GWh verbraucht (auch im Geschäftsbericht gefunden). Diese Zahl dividiert durch die Pkm ergibt 181 Wh/Pkm. Das ist also die Energiemenge, die es braucht, um mit der Bahn eine Person einen Kilometer weit zu befördern.
So, was leistet ein sparsamer Diesel? Ich ging mal auf die Webseite von VW und nahm die Daten eines Polo TDI. Warum VW? Na ja, weil mir diese Marke als erstes eingefallen ist und ich siederen Kleinwagen irgendwie mit sparsamen Autos assoziiere. Ich nehme einmal an, die Konkurrenz erreicht ähnliche Werte. Also: Dieser Wagen braucht laut Herstellerangaben 3.8 L Diesel auf 100 km (Broschüre „Technik und Preise“ von [2]). Nun müssen wir das einmal umrechnen. Diesel hat einen Brennwert von 45.4 MJ/kg und eine Dichte von etwa 0.83 kg/L (je nach Sorte, Zahlen aus [3]). Auf Liter umgerechnet gibt das 37.7 MJ/L, was 10.5 kWh/L entspricht. Eine einfache Rechnung ergibt dann, dass dieser Polo etwa 400 Wh/km verbraucht. In der Schweiz fahren in einem PW im Durchschnitt 1.6 Personen ([4], Seite 39). Damit kann ich den Energiebedarf in Pkm umrechnen, was rund 250 Wh/Pkm entspricht. Wer jetzt einwendet, ich würde den Wirkungsgrad des Motors vergessen, übersieht, dass ich ja den gesamten Energieverbrauch betrachte und daher ist der Wirkungsgrad schon mit drin.
Gut, jetzt wissen wir also, dass der Energieverbrauch im Durchschnitt bei diesem Auto etwa 38% höher liegt als bei der Bahn (einfach den Quotienten der beiden Wh/Pkm-Werte bilden). Das ist kein gigantischer Unterschied, aber ich finde doch, dass das nennenswert ist. Herr Hess behauptet im Text, die Bahn mache viele Leerfahrten, was sich in Ineffizienz niederschlägt. Meine Rechnung berücksichtigt das automatisch, weil ich Energie und Pkm benutze. Und weil ein leer fahrender Zug auch Energie verbraucht, kommt er in der Bilanz eben auch hinein.
Nun wird Herr Hess einwenden, dass ich die anderen Aspekte nicht berücksichtige. Ok, welche Kennzahlen man benutzen soll um Umweltverträglichkeit zu messen, darüber kann man trefflich streiten. Als anderes Kriterium könnte man den CO2-Ausstoss hernehmen. Oder Lärm. Oder was auch immer. Ich lasse das, denn er trifft ja mit seiner Meinung auch eine Auswahl. Ja, ich vereinfache. Aber Herr Hess tut das auch. Zum Beispiel: wenn ich in der Schweiz bin, dann sehe ich ziemlich viele Autos, die nicht dem Ideal des modernen, sparsamen Dieselauto entsprechen. Ich vermute, der tatsächliche Durchschnittsverbrauch liegt eher bei 8 L/100 km, also dem doppelten Wert. Was also etwa 500 Wh/Pkm ergibt. Und dann kann ich die Argumente von Herrn Hess wirklich nicht mehr verstehen. Dann verbraucht ein Auto nämlich beinahe 3 Mal mehr Energie als die Bahn. Und das finde ich nun wirklich nennenswert.
Im besagten Meinungsartikel stehen noch andere Dinge. Er spekuliert, wie stark man den öffentlichen Verkehr subventionieren dürfe. Das weiss ich nun wirklich nicht. Aber gerade deshalb kommen mir Zweifel auf, ob seine Annahmen genauso sorgfältig wie die obigen Behauptungen recherchiert wurden, besonders bei den Kostenfragen und deren Deckungsgrad. Ich weiss es nicht.
Bin ich nun politisch geworden? Ich glaube es nicht. Denn die von mir angestellten Berechnungen waren nicht schwierig. Mehr als google und Dreisätze habe ich nicht gebraucht. So politisch ist das nun auch wieder nicht. Aber ich kann mir gut vorstellen, wie dem guten Mann seine Meinung wohl derjenigen vieler anderer entspricht. Und so setzt sich in Köpfen fest, die Bahn sei etwa gleich energieeffizient wie ein modernes Dieselauto. Das stimmt nun wirklich nicht.
Noch eine weitere, witzige Rechnung: Auf [5] fand ich heraus, dass ich bei einer moderaten Geschwindigkeit von 25 km/h auf dem Velo etwa 2900 kJ pro Stunde an Energie verbrauche. Umgerechnet auf kWh gibt das 32 Wh/km. Wer mit dem Velo fährt verbraucht also etwa 6 Mal weniger Energie als wer mit dem Zug unterwegs ist. Ok, der Vergleich wirkt gewagt. Aber physikalisch gesehen stimmt das schon, denn Energie ist eine universelle Grösse.
P.S.: Wer Fehler findet darf sie mir gerne melden. Ich werde sie korrigieren. Und vielleicht liege ja ich falsch. Damit habe ich kein Problem. Ach ja: Bitte an die Zeitverschiebung denken, wenn die schnelle Reaktion ausbleibt.
Nachtrag 09:35* Ich habe Herrn Hess eine Mail geschickt mit dem Link auf diesen Text. Er hat mir umfangreich geantwortet. Stilkorrekturen im Text habe ich daraufhin vorgenommen (er fand, dass ich Bemerkungen zu seiner Person gemacht habe – da war ich wohl sprachlich etwas salopp und habe das nun korrigiert), inhaltlich blieb alles gleich. Leider muss ich jetzt einige Telefonate mit der Schweiz machen und danach sitze ich in Meetings fest. Mehr folgt vielleicht später.
* Zeitangaben: Nebraska, also CDT.
[0] Neue Zürcher Zeitung, 9. September 2013, Seite 15. Artikel online: http://www.nzz.ch/meinung/debatte/das-fahren-mit-der-bahn-ist-zu-guenstig-1.18146803
[1] http://www.sbb.ch/sbb-konzern/medien/publikationen/geschaefts-nachhaltigkeitsbericht/gb-2012.html
[2] http://www.volkswagen.de/de/models/polo/brochure/catalogue.html
[3] http://de.wikipedia.org/wiki/Heizwert
[4] http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/news/publikationen.html?publicationID=5294
[5] http://www.fitrechner.de/kalorienverbrauch/kalorienverbrauch-Radsport
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